Experte zu deutscher Energiewende: „Weiter wie bisher geht nicht mehr“

Experte zu deutscher Energiewende: „Weiter wie bisher geht nicht mehr“

Energieexperte Christof Bauer sieht dringenden Änderungsbedarf bei deutscher Energiewende. Potenzial der Industrie zur Sicherung der Netzstabilität werde zu wenig genutzt

Die deutsche Energiewende bedeute für die dortige Industrie eine große Herausforderung. Das sagte Christof Bauer, Leiter Energiemanagement bei Evonik Industries, heute Montag auf einer Veranstaltung der heimischen Energieregulierungsbehörde E-Control. Der Spezialchemiekonzern Evonik Industries ist einer der größten deutschen Industriebetriebe und zählt zu größeren Energieverbrauchern. Die deutsche Energiewende bringe Chancen – etwa durch langfristig geringere Kosten für Öl- und Gasimporte –, schaffe aber auch große Risiken, etwa durch die „exzessiven“ Förderkosten für Erneuerbare, die die Gefahr massiver Überkapazitäten mit sich bringen. Die stromintensiven Betriebe seien bei Neuinvestitionen derzeit sehr zurückhaltend. „Es gibt eine hohe Verunsicherung“, sagt Energieexperte Christof Bauer, der vor weiteren „politischen Schnellschüssen und Panikreaktionen“ warnt. Die Ausnahmen für die energieintensive Industrie bei der Ökostromumlage sieht Bauer als wichtigen „Rettungsanker“. Diese seien nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Wettbewerb zu erhalten. Auch Gastgeber E-Control-Vorstand Walter Boltz plädiert dafür, bei den gesamten Aktivitäten zur Energiewende den Standort nicht aus den Augen zu verlieren. „Die Energiekosten sind im internationalen Standortwettbewerb ein wichtiger Faktor“, so Boltz, der darauf verweist, dass Gas in der EU im Schnitt etwa dreimal mehr koste als in den USA und die Strompreise für Industrie in Europa etwa doppelt so hoch seien.

Dringender Änderungsbedarf bei deutscher Energiewende

Klar sei, dass es dringenden Änderungsbedarf bei der Ausrichtung der deutschen Energiewende gibt. „So weitergehen wie bisher kann es nicht“, betont Christof Bauer. Die erneuerbaren Energien müssten in den Strommarkt integriert werden, der Ausbau des Stroms aus regenerativen Quellen müsse mit dem Ausbau der Stromnetze synchronisiert werden. Auch brauche es eine deutlich bessere Abstimmung innerhalb der EU. „Ein deutscher Sonderweg auf Kosten der Nachbarn endet in der Sackgasse“, sagt Bauer mit Blick auf Nachbarstaaten wie Polen oder Tschechien, deren Netze immer wieder unter deutschen „Überschussstrom“ aus Wind und Sonne leiden.

Potenzial der Industrie zur Sicherung der Netzstabilität zu wenig genutzt

Großes Potenzial, um die Netzstabilität auch bei einem hohen Anteil stark schwankender Stromquellen aus Wind und Sonne zu gewährleisten, sieht Christof Bauer in der Industrie. Bisher richtete sich die Stromerzeugung nach dem Verbrauch. Sprich: Bei hohem Bedarf wurde mehr Strom erzeugt, bei niedrigerem Bedarf wurde die Stromproduktion in den Kraftwerken runtergefahren. Durch den Ausbau der Erneuerbaren wird dieses System auf den Kopf gestellt. Sonne und Wind halten sich an keine Vorgaben und produzieren manchmal viel zu viel Strom und manchmal viel zu wenig. Die Industrie könne hier helfend einspringen, meint Bauer. Wenn gerade zu wenig Strom im Energiesystem erzeugt wird, könnte die Industrie bestimmte Anlagen für einige Zeit abschalten und damit das Netz entlasten. Und umgekehrt, wenn gerade sehr viel Strom erzeugt wird, könnte die Industrie zusätzliche Anlagen anwerfen, um den ansonsten überschüssigen Strom zu nutzen. „Diese Flexibilisierungspotenziale im Stromverbrauch der Industrie liegen bisher weitgehend brach“, sagt Christof Bauer.