Ukraine-Krise 2014: Fragen und Antworten zur Gasversorgung

Abb 1: Gaswerk Simmering
Viele Konsumenten stellen sich angesichts der derzeitigen politischen Auseinandersetzungen zwischen der EU und Russland Fragen bzgl. der österreichischen Gasversorgung. Die E-Control beantwortet hier die wichtigsten.

Wie viel Gas bezieht Österreich aus Russland und wie viel die EU?

Rund 60 Prozent des österreichischen Gasverbrauchs wird durch Gasimporte aus Russland gedeckt, 20 Prozent kommen aus inländischer Förderung, der Rest aus Norwegen und Deutschland. Einige EU-Länder – etwa die drei baltischen Staaten - sind zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig, Spanien dagegen gar nicht. Im Durchschnitt deckte russisches Gas 2013 mit 27 Prozent knapp ein Viertel des gesamten EU-Gasverbrauchs.

Für wie lange reicht das Gas in den Speichern in Österreich?

Österreich hat im Vergleich zum Verbrauch eine der größten Gasspeicherkapazitäten in ganz Europa: Die Lagermöglichkeiten für Erdgas in Österreich entsprechen etwa der Größenordnung des gesamten Gasverbrauchs eines Jahres. Im Sommer werden diese Lager mit Erdgas aufgefüllt. Da auch der Gasverbrauch in den Sommermonaten gering ist, könnte eine kurzzeitige Lieferunterbrechung zum jetzigen Zeitpunkt mit der Entnahme von Gas aus den Speichern und inländischen Fördermengen problemlos überbrückt werden.

Was passiert wenn das Gas aus Russland komplett ausfällt?

Ein völliger Lieferstopp von Gas aus Russland ist nicht zu erwarten, da die Gaslieferungen nach Europa auf vertraglichen Vereinbarungen beruhen, die erfüllt werden müssen. Selbst in den schwierigsten Perioden des Kalten Krieges lieferte Russland sein Gas nach Europa. Immerhin sind die Erlöse aus den Gas-Exporten die wichtigste Einnahmequelle des russischen Staates.

Die derzeitige Diskussion dreht sich darum, dass Russland kein Gas an die Ukraine aufgrund von Vertragsstreitigkeiten liefert, die Lieferungen an EU-Staaten über die Ukraine erfolgen derzeit aber ungestört. Durch die Ukraine werden 50 Prozent der russischen Gasmengen nach Europa transportiert, ein Lieferstopp könnte daher auch Auswirkungen auf die Lieferungen in die EU-Länder haben.

Die Ukraine-Route ist aber nicht die einzige Lieferroute für russisches Gas. In die EU kommt russisches Gas etwa auch über die Ostsee-Pipeline (North Stream) und über Weißrussland (Jamal). Bei Bedarf könnte etwa durch die Ostsee-Pipeline noch mehr Gas transportiert werden als derzeit.

Sollten die russischen Gaslieferungen tatsächlich für einige Zeit komplett ausfallen, ist Österreich gut gerüstet. Die Krisenvorsorgemechanismen wurden auf österreichischer Ebene weiterentwickelt, die Gasindustrie hat zusätzliche Speicherkapazitäten aufgebaut, und die Netzinfrastruktur wurde ausgebaut bzw. weiterentwickelt, um auch verstärkt andere Transportwege nutzen zu können.

Wie wird sich die Ukraine-Krise auf den Gaspreis in Europa auswirken?

Die Auswirkungen auf die Großhandelspreise für Gas in Europa und Österreich waren bisher – bis auf einige Ausschläge – gering. Die Großhandelspreise sind seit Jänner aufgrund des milden Winters und des Gasüberangebots gefallen, mit der Ankündigung des Lieferstopps Russlands an die Ukraine jedoch bereits leicht gestiegen. Es ist abzuwarten, ob dieser Preisanstieg von Dauer ist – bisher waren die Preisausschläge aufgrund neuer Vorkommnisse in der Ukraine-Krise immer nur kurzzeitig, da die allgemeine Versorgungslage mit Gas in Europa aufgrund des geringen Verbrauchs und ausreichender Angebotsquellen sehr gut ist.

Welche Alternativen gibt es zu Gas aus Russland?

Kurzfristig sind vor allem zwei Alternativen denkbar:
- Mehr verflüssigtes Erdgas (LNG) : Europa könnte zusätzliche Mengen LNG, das verflüssigt per Schiff aus Katar, Nigeria und Algerien und anderen Ländern kommt, beziehen. Flüssiggas ist allerdings um einiges teurer als russisches Gas, das über Gasleitungen transportiert wird.
- Mehr Gas aus Norwegen : Um Gas aus Russland zu kompensieren könnte Norwegen mehr Gas in die EU liefern.

Mittelfristig muss das Ziel der EU sein, neue Bezugsquellen bei der Hand zu haben und die europäische Gasinfrastruktur so auszubauen, dass kein Land nur mehr von einer einzigen Gaslieferquelle abhängig ist. Mögliche Alternativen sind:

- Neue Bezugsquellen : Europa könnte zukünftig verstärkt Gas aus dem kaspischen Raum beziehen. 2019 sollen die Trans Anatolian Pipeline (Tanap) und die Trans Adriatic Pipeline (TAP) ans Netz gehen und bis zu 16 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Aserbaidschan über die Georgien, Türkei, Griechenland und Albanien nach Italien transportieren. Auch andere Länder mit großen Gasvorkommen, etwa Israel oder – abhängig von der politischen Situation – der Iran könnten zukünftig Lieferanten sein. Eine Alternative könnten auch bekannte, aber noch zu entwickelnde Gasvorkommen im Schwarzen Meer sein. Die Planung und Umsetzung von Gewinnungs- und Pipeline-Projekten benötigt allerdings viel Zeit.
- US-Schiefergas : Europa könnte – für den Transport per Schiff verflüssigtes – Schiefergas aus den USA importieren. Dazu müsste die USA das Schiefergas aber erst für den Handel freigeben, auch die Infrastruktur (etwa Exporthäfen in den USA oder Schiffe für den Transport) müssten erst gebaut werden.
- EU-Schiefergas : In einzelnen europäischen Staaten, insbesondere in Polen laufen Projekte, um auch in Europa Schiefergasvorkommen kommerziell zu nutzen. Das genaue Potential der Vorkommen und deren wirtschaftliche Nutzbarkeit sind allerdings noch nicht gesichert. Aufgrund von Umweltschutzbedenken gibt es gegen die Förderung von Schiefergas jedoch in vielen Mitgliedstaaten anhaltende Widerstände.


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