Reality Check - Schiefergas

Die aktuelle Debatte zeigt: Europa investiert viel strategisches Gedankengut in die Gestaltung seiner Energiezukunft. Das langfristige, politische Ziel lässt sich dabei einfach auf den Punkt bringen: wir wollen ein „grünes Europa“. Aus dem EU-Jargon ist die „Dekarbonisierung“ des Kontinents mittlerweile nicht mehr wegzudenken und gehört in Brüssel zum politisch korrekten Ton, allen voran im Bereich Energie und Umwelt, aber auch in zahlreichen anderen Politikbereichen.

Machen wir einen Szenenwechsel auf die andere Seite des Atlantik, schwindet der grüne Wortschatz allmählich. Stattdessen finden wir eine enthusiastische Bohrindustrie, welche billiges Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten mittels der sogenannten „Fracking“-Methode gewinnt (hydraulische Frakturierung). Die „Shale Gas Revolution“ ist in aller Munde und verspricht nicht nur preisgünstiges Gas, sondern lässt auch von Importunabhängigkeit träumen. Der globale Diskurs zu Schiefergas ist dementsprechend angefacht und dynamisch.

Industriegaspreise Europa und USA im Vergleich
Abb 1: Industriegaspreise Europa und USA im Vergleich
Europa hingegen reagiert eher vorsichtig und langsam auf die Revolution, obwohl die Auswirkungen der amerikanischen Schiefergasförderung längst auch in Europa spürbar sind. Der erhebliche Preisunterschied zwischen europäischem und amerikanischem Gas zwingt viele Industrien zur Frage, aus Europa abzuwandern oder sich erst gar nicht in Europa anzusiedeln. Die teure europäische Energie läuft daher zunehmend Gefahr zu einem signifikanten Wettbewerbsnachteil zu werden. Spätestens seit Lissabon, hatte die EU allerdings vor, die kompetitivste Wirtschaft der Welt zu werden.

In Brüssel tüftelt man indes ungehindert an immer ehrgeizigeren Klima- und Umweltschutzzielen, die unter anderem eine massive Förderung von erneuerbaren Energien vorsehen. Momentan wird das Schiefergaspotenzial viel kleiner als in den USA eingestuft, daher spielt es eine eher untergeordnete Rolle, obwohl man insgesamt noch zu wenig um das Ausmaß von Schiefergas in Europa weiß. Umso alarmierender ist hingegen, dass sich Europa trotz grüner Agenda in Richtung vergleichsweise billiger, Co2-intensiver Kohle bewegt, während die USA im vergangenen Jahr seine Emissionen stark drosseln konnte - und das durch Schiefergas ohne grüne Agenda. Eine doppelte Ironie, die schwer außer Acht gelassen werden kann.

Haushaltsgaspreise Europa und USA im Vergleich
Abb 2: Haushaltsgaspreise Europa und USA im Vergleich
Verlässt man den europäischen Kontinent also und nimmt an der globalen Schiefergasdebatte teil, erscheint Europas Klimaschutzpolitik eher isoliert. Internationale Mitstreiter finden sich kaum, stattdessen ergibt sich ein Bild von milliardenschweren Subventionen für ein grünes Europa, die preiswerten und stetig steigenden Schieferenergievorräten gegenüber stehen.

Ungeachtet dessen wirbelt die Schiefergasrevolution in Europa die ganze Palette an Haltungen zur Energieversorgung auf. Während Skeptiker vor allem Umweltrisiken in den Vordergrund stellen und die Fördermethoden als gefährlich einstufen, sehen Befürworter wirtschaftliche Vorteile und mehr Unabhängigkeit von Importen. Polen und Großbritannien zählen zu den Freunden des Schiefergas, Frankreich hat hingegen die Förderung durch „Fracking“ gänzlich verboten. Deutschland ist hin- und hergerissen, muss aber bald ernste Entscheidungen in Bezug auf die Energiewende treffen.

Politisch wird dieses Thema also brisant bleiben, allem voran, weil der ökonomische Druck über die Nutzung von Schiefergas nachzudenken, vermutlich nicht so schnell schwinden wird.

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