Essay: Ohne Stromnetz geht's nicht!

Dr. Christine Materazzi-Wagner
Leiterin der Abteilung Strom

Dr. Christine Materazzi-Wagner Dr. Christine Materazzi-Wagner war von 1995 bis 2009 bei Pöyry Energy in nationalem und internationalem Umfeld beschäftigt. Seit Jänner 2010 ist sie bei der E-Control tätig, wo sie im September 2011 die Leitung der Abteilung Strom übernahm. Im nachfolgenden Essay stellt sie einige mittel- und langfristige Überlegungen zur Zukunft der Stromnetze in Europa an.
Europa rückt im Strombereich enger zusammen. Entwicklungen wie die zunehmende Nutzung erneuerbarer Energiequellen, die deutlich leistungsfähigere und schnellere Kommunikation, neue Marktbedingungen und die Einbindung dezentraler Technologien, erfordern die gemeinsame Erarbeitung von Regeln für den Netzausbau und auch den Netzbetrieb. Den rechtlichen Rahmen dazu liefern das 3. Paket und die neue Energieinfrastrukturverordnung.

Das Europäische Übertragungsnetz ist das Rückgrat der Versorgungssicherheit. Österreich ist Teil des Synchronbereichs Kontinentaleuropa, der sich vom Norden Dänemarks bis in den Süden Italiens und von der Türkei bis nach Portugal erstreckt. Dieses Netz ermöglicht eine Stromversorgung in hoher Qualität und die gemeinsame Nutzung von Reserven, wenn es einmal knapp werden sollte.

Die Regulierungsbehörden und die Übertragungsnetzbetreiber sind mitten in einem umfangreichen Harmonisierungsprozess, an dessen Ende der interne Energiemarkt der EU voll funktionsfähig ist. Die ersten Rechtstexte (Netzwerkkodizes) zu Netzanschluss für Erzeuger und Verbraucher, aber auch zu Engpassmanagement und Kapazitätsberechnungen sollen noch heuer von der Europäischen Kommission in den Komitologieprozess geschickt werden. Nächstes Jahr folgen die Netzwerkkodizes zum Netzbetrieb und zum Ausgleichsenergiemarkt.

Die Abbildung der Leitungskapazitäten für den Markt entspricht nach den derzeitigen Methoden nicht der physikalischen Realität. Daher ist der Umstieg auf eine lastflussbasierte Berechnung wichtig. Aber Engpässe im Netz verursachen nicht nur unterschiedliche Preiszonen in Europa, sondern auch Sicherheitsprobleme durch die Überlastung von Komponenten. In der Vergangenheit wurden die nationalen Netze nach unterschiedlichen Kriterien erneuert und ausgebaut. Erwartungsgemäß zeigen sich in den Regionen mit gutem Netzzustand auch weniger Probleme durch die neuen Anforderungen.

Die Energieinfrastrukturverordnung sieht nun für eine Auswahl an ‚Projekten von gemeinsamem Interesse‘ Unterstützungsmaßnahmen im Bereich der Finanzierung und der Genehmigungsverfahren vor. Im Zentrum der Projektbewertung steht die Kosten-Nutzen-Analyse, die aus Sicht der Regulierungsbehörden jedenfalls auf einer konsistenten und qualitativ hochwertigen Datenbasis erfolgen muss. Diese Datenbasis könnte der nächste Europäische Zehn-Jahres-Netzausbauplan im Sommer 2014 zur Verfügung stellen. Der Vorschlag der Regulierungsbehörden für eine klare monetarisierte Berechnungsmethode wurde bereits im Jänner publiziert. Aktuell wird an einer Methode für die in der Energieinfrastrukturverordnung vorgesehene, grenzüberschreitende Kostenzuteilung gearbeitet. In diesem Zusammenhang ist jedenfalls auch der aktuelle Netzzustand in den involvierten Ländern zu berücksichtigen.

Die langfristige Entwicklung des Stromnetzes könnte deutlich in Richtung dezentraler Systeme verlaufen. Dennoch scheint auch in solchen Zukunftsszenarien das Übertragungsnetz eine zentrale Rolle im Sinne der Versorgungssicherheit und der Flexibilität beim Ausgleich der starken Schwankungen in Erzeugung und Verbrauch zu haben. Also auch auf lange Sicht: ohne Netz geht’s nicht!


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