Asset Publisher

angle-left Präsentation Studie zu Energiearmut

Präsentation Studie zu Energiearmut

Energiearme geben beinahe jeden vierten Euro für Energie aus

Wien (2. Februar 2017) – Die Leistbarkeit von Energie nimmt neben dem bekannten Zieldreieck im Energiebereich bestehend aus Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit, eine zunehmend wichtige Rolle ein. Dabei geht es um die Frage, ob die Energiekosten – inklusive Steuern und Abgaben – leistbar sind und bleiben. „Etwaige Energiekostenanstiege betreffen energiearme Haushalte besonders, da sie einen größeren Energieverbrauch haben“, so E-Control-Vorstand Andreas Eigenbauer. Die Leistbarkeit von Energie für Haushalte ist deshalb ein wichtiges Anliegen der E-Control, um ihre gesetzlichen Zielvorgaben, etwa zum Schutz benachteiligter Kunden, zu erfüllen. Daher wurde eine Studie bei der Statistik Austria in Auftrag gegeben, um erstmals Einkommensdaten mit dem Energieverbrauch zu verknüpfen.

Die Studie liefert Datengrundlagen auf denen aufbauend entsprechende Maßnahmen abgeleitet werden können. Mit der Umsetzung konkreter Maßnahmen werde die neue Strategie der E-Control in einem wichtigen Bereich konkretisiert. „Wir wollen ein großes Augenmerk auf die Energiearmut und die Leistbarkeit von Energie legen“, betont Eigenbauer.

Studie: Energiearme geben 23 Prozent ihres Einkommens für Wohnenergie aus

Von Energiearmut betroffene Haushalte geben 22,8 Prozent ihres Einkommens für Wohnenergie aus, das ist mehr als viermal so viel wie ein österreichischer Durchschnittshaushalt, der im Schnitt nur 4,6 Prozent seines Einkommens für Wohnenergie (Heizen, Warmwasser, Kochen, Licht u. ä.; ohne Energiekosten für Mobilität, wie etwa Sprit) ausgibt. „Energiearme geben beinahe jeden vierten Euro für Wohnenergie aus“, fasst Konrad Pesendorfer, Generaldirektor der Statistik Austria, eines der Kernergebnisse der Studie der Statistik Austria zusammen. Laut der Untersuchung waren 2014 3,1 Prozent der österreichischen Haushalte (rund 117.000 Haushalte) energiearm. „Die energiearmen Haushalte haben einen deutlich höheren Energieverbrauch, höhere Energiekosten als Durchschnittshaushalte und sie heizen öfter mit Öl“, so Konrad Pesendorfer. Als energiearm gelten Haushalte, die bei niedrigem Einkommen verhältnismäßig hohe Energiekosten haben. Diese Definition der E-Control ist auch Basis für diese Studie.

Energiearme Haushalte: Hoher Energieverbrauch, hohe Kosten

Energiearme Haushalte hatten 2014 ein äquivalisiertes Einkommen[1] von knapp 10.700 Euro (Median) netto im Jahr, bei einem nicht-energiearmen Haushalt waren es im Schnitt 23.550 Euro (Median) jährlich, also mehr als doppelt so viel. Der Energieverbrauch für Wohnzwecke lag bei energiearmen Haushalten mit durchschnittlich 23.370 Kilowattstunden (kWh) jährlich deutlich über dem Durchschnitt von 18.360 kWh. Die dafür anfallenden Energiekosten lagen bei Energiearmen mit durchschnittlich 2.590 Euro pro Jahr um rund 40 Prozent über dem Durchschnitt aller Haushalte von 1.870 Euro. „Energiearme Haushalte haben einen deutlich höheren Energieverbrauch und deutlich höhere Wohnenergiekosten“, erläutert Pesendorfer.

Energiearme: Großteil der Energie für Heizen

Vom gesamten Energieverbrauch energiearmer Haushalte von 23.370 kWh entfallen auf das Heizen rund 18.080 kWh. Das ist um 50 Prozent mehr Heizenergie als in nichtenergiearmen Haushalten, die nur 12.130 kWh für das Heizen verwenden. Für Warmwasser setzen energiearme Haushalte dagegen nur 1.980 kWh ein, nicht-energiearme Haushalte kommen auf 2.930 kWh. Insofern verwenden energiearme Haushalte um knapp ein Drittel (32 Prozent) weniger Energie für Warmwasser als nicht-energiearme Haushalte. „Der im Vergleich geringere Verbrauch von Warmwasser lässt darauf schließen, dass energiearme Haushalte keine Energie- und Wasserverschwender sind, sondern der hohe Energieaufwand fürs Heizen notwendig ist, um ein Mindestmaß an Raumtemperatur zu erreichen“, erläutert Studienautorin Alexandra Wegscheider-Pichler von Statistik Austria.

Energiearme Haushalte heizen öfter mit Öl

Heizöl wird von energiearmen Haushalten signifikant häufiger eingesetzt als von nicht-energiearmen. In der Gruppe der Energiearmen entfallen anteilig 21 Prozent der Energiekosten auf Heizöl. Bei den nicht-energiearmen Haushalten sind es nur 14 Prozent.

Energiearme Haushalte leben häufiger in älteren Wohngebäuden

Energiearme Haushalte leben signifikant häufiger in älteren Wohngebäuden als nicht-energiearme. Rund 52 Prozent der energiearmen Haushalte leben in Gebäuden, die bis 1960 erbaut wurden, dies trifft nur auf 32 Prozent der nicht-energiearmen Haushalte zu. Dementsprechend sind Haushalte in Gebäuden bis 1960 überdurchschnittlich häufig (fünf Prozent) von Energiearmut betroffen. Bewohner von Gebäuden, die ab 1991 erbaut wurden, sind dagegen nur zu 1,1 Prozent energiearm. Energiearme Haushalte wohnen zudem häufiger in Ein- und Zweifamilienhäusern als nicht-energiearme Haushalte, energiearme Haushalte haben zudem etwas seltener Wohnraum im Eigentum. „Die Vermutung liegt daher nahe, dass energiearme Haushalte öfter mit alten Ölheizungen schlecht gedämmte Wohnräume heizen müssen“, sagt Wegscheider-Pichler.

Stromkosten überdurchschnittlich hoch

Auch Stromverbrauch und Stromkosten (inklusive Strom für Heizzwecke) sind bei energiearmen Haushalten überdurchschnittlich hoch. Energiearme Haushalte verbrauchen knapp 5.900 kWh Strom, bei jährlichen Kosten von mehr als 1.120 Euro. Während der Durchschnittshaushalt knapp 4.500 kWh Strom benötigt und dafür knapp 850 Euro jährlich bezahlt. Wegscheider-Pichler: „Die jährliche Stromrechnung ist für einen energiearmen Haushalt um 270 Euro höher.“

Energiearme im Schnitt älter, häufiger alleinlebend, mit Pflichtschulabschluss

Personen in energiearmen Haushalten sind durchschnittlich älter als jene in nicht-energiearmen Haushalten. Personen mit Pflichtschulabschluss als höchster Ausbildung sind deutlich häufiger von Energiearmut betroffen. Während in ganz Österreich 3,1 Prozent aller Haushalte als energiearm gelten, sind es bei den Haushalten mit Pflichtschulabschluss 7,1 Prozent. Zwei Drittel (66 Prozent) der energiearmen Haushalte sind Single-Haushalte. Bei nicht-energiearmen Haushalten leben dagegen nur 34 Prozent alleine.

Alle gefordert

Um leistbare Energiekosten sicherzustellen, ist nicht nur der Markt gefordert, sondern auch die Regulierung und die Politik. „Haushalte zahlen bei vielen Energieträgern – unabhängig von ihrem Einkommen – Steuern und Abgaben auf Energie in etwa derselben Höhe“, sagt E-Control-Vorstand Wolfgang Urbantschitsch. Und wer, wie etwa energiearme Haushalte, viel Energie wie Strom oder Gas verbraucht, zahlt noch mehr. Bei den Netzkosten für Strom- und Gas muss deren Regulierung unter anderem sicherstellen, dass diese Kosten leistbar bleiben. Darüber hinaus setzt der Regulator aber auch weitere Schwerpunkte, um Energiearme zu unterstützen, wie etwa Informationsarbeit zu Energiesparen und Einsparungen für Einkommensschwache bei den Ökostromstromkosten.

Durch Information Bewusstsein für Energiesparen schärfen

Durch Information und Energieberatung soll energiearmen Haushalten beim Energiesparen geholfen werden. „Mit zusätzlicher Information, Energieberatung und Aufklärung über die Rechte eines Konsumenten am Energiemarkt kann man viel bewirken“, betont Urbantschitsch. Das Bewusstsein für mögliche Energieeinsparungen sollten auch die digitalen Stromzähler (Smart Meter) verstärken. Mit diesen neuen Zählern erhalten Kunden erstmalig regelmäßig zeitnah Informationen über ihren aktuellen Verbrauch. Gerade die wirklich von Energiearmut betroffenen Haushalte haben ein geringes Bewusstsein für Energiesparen, wie eine von der E-Control in Auftrag gegebene IFES-Studie von 2013 zeigte.

Deckelung der Ökostromförderkosten

Einkommensschwache Haushalte, die Anspruch auf die Befreiung von den ORF-GIS-Gebühren haben, können mit dem Antrag auf Gebührenbefreiung gleichzeitig eine teilweise Befreiung auf die Ökostromkosten beantragen. Sie zahlen dann, verbrauchsabhängig, lediglich bis zu 20 Euro pro Jahr an Förderbeiträgen, während ein österreichischer Durchschnittshaushalt rund 100 Euro brutto für Ökostromkosten bezahlt. „Bei einem durchschnittlichen Verbrauch spart sich ein Haushalt mit Ökostromkostendeckelung 80 Euro im Jahr“, betont Vorstand Urbantschitsch.

Rund 177.000 Haushalte nützen Entlastung bei den Ökostromkosten nicht

Laut Angaben der GIS sind derzeit 300.000 Haushalte von den Rundfunkgebühren befreit – aber nur 123.000 dieser Haushalte waren per Ende 2015 von den Ökostromkosten teilweise befreit. Urbantschitsch: „Rund 177.000 Haushalte könnten ihre Stromrechnung leicht senken, wenn sie die teilweise Ökostromkostenbefreiung beantragen.“ Voraussetzung ist allerdings, dass jene Person im Haushalt, die von der GIS-Gebühr befreit ist, auch bei Strom der Vertragspartner ist. Die E-Control startet daher neben verstärkten zielgerichteten Informationen eine Inseratenkampagne, in der anspruchsberechtigte Personen auf die Möglichkeit zur Deckelung der Ökostromförderbeiträge hingewiesen werden.

Einfache Entlastung bei Stromkosten für Geringverdiener

„Mit der unkomplizierten Abwicklung über die GIS werden einkommensschwache Haushalte bei den Stromkosten merkbar entlastet“, betont Urbantschitsch. Zwar hätten nicht alle GIS-Befreiten zusätzlich zu ihrem geringen Einkommen auch noch hohe Energiekosten und seien damit von Energiearmut betroffen. „Mit der Beantragung über die GIS besteht aber ein bereits gut ausgebautes System, bei dem Geringverdiener sehr einfach eine Entlastung bei den Stromkosten erhalten.“

Langfristig: Zielgerichtete Maßnahmen für energiearme Haushalte

Langfristiges Ziel muss aber sein, Unterstützungsleistungen im Energiebereich – egal ob Sach- oder Geldleistungen – nur tatsächlich energiearmen Haushalten zu gewähren. Für diese Anspruchsberechtigung sollte nicht nur das Einkommen, sondern auch der jeweilige Energieverbrauch berücksichtigt werden. Können sich einkommensschwache Haushalte selbst geringe bzw. durchschnittliche Energiekosten nicht leisten, sollte dies unter allgemeiner Armut und nicht unter Energiearmut diskutiert werden. Urbantschitsch: „Dort wo es allgemein um Armut geht, ist das Sozialsystem gefordert. Dort wo es wirklich um Energiearmut geht, braucht es dagegen zielgerichtete Maßnahmen gegen die hohen Energiekosten.“

Heizungsmodernisierung und Gebäudedämmung bringen größten Erfolg

Wer einen hohen Energieverbrauch hat, verwendet wie die Studie zeigt oft veraltete Heizsysteme (z. B. in die Jahre gekommene Ölheizungen) und lebt in schlecht gedämmten Wohnräumen. Die Modernisierung der Heizung und die thermische Gebäudesanierung versprechen langfristig den größten und nachhaltigsten Erfolg – kosten aber auch am meisten. Urbantschitsch: „Einerseits können sich die Sanierungen in höheren Mieten niederschlagen, andererseits für den Eigenheimbesitzer hohe Kosten verursachen – beides verschärft die prekäre Einkommenssituation Energiearmer.“

EU-Kommission möchte von Mitgliedstaaten Daten zu Energiearmut

Die EU-Kommission möchte in einem Vorschlag zur überarbeiteten Strom-Richtlinie Mitgliedstaaten zur Definition eines Kriterienkatalogs verpflichten, um Energiearmut zu messen. Die Mitgliedsländer sollen die Zahl der energiearmen Haushalte und Maßnahmen für diese beobachten und regelmäßig nach Brüssel melden. Mit der Definition von Energiearmut sowie den Vorschlägen wie Energiearmut am besten bekämpft werden kann, leistet die E-Control einen wesentlichen Beitrag für die anstehende Diskussion zu diesem Thema in Österreich.

Über die Studie

Für die Analyse der Statistik Austria wurden Einkommensdaten aus Verwaltungsdaten sowie aus der Einkommenserhebung EU-SILC 2014 (EU Statistics on Income and Living Conditions) mit den Daten des MZ-Energie (Mikrozensus-Sonderprogramm Energieeinsatz der Haushalte) 2013/2014 verknüpft. Dadurch konnten Energieverbrauch und Energiekosten für Wohnen (Warmwasser, Heizen etc.) nach verschiedenen Einkommensgruppen auf Basis eines großen Datensatzes der offiziellen Statistik analysiert werden.

Energiearm: geringes Einkommen und gleichzeitig hohe Energiekosten
Für die Studie der Statistik Austria wurde die Definition von Energiearmut der E-Control von 2013 herangezogen. Laut dieser Definition gelten Haushalte dann als energiearm, wenn sie armutsgefährdet sind und gleichzeitig hohe Energiekosten haben. Nur wenn diese beiden Phänomene gleichzeitig auftreten, ist von Energiearmut zu sprechen.