Netzentgeltstruktur 2.0 – Modernisierung des Netzentgeltsystems

E-Control: Netzentgeltstruktur an neue Stromwelt anpassen

Die Energieregulierungsbehörde E-Control wird die bestehende Struktur bei den Netzkosten modernisieren und an das veränderte Stromsystem anpassen. Die Stromnetzentgeltstruktur soll geändert werden, weil sich in Österreich die Stromerzeugung- und -verbrauchsstrukturen laufend ändern, Haushalte nutzen etwa verstärkt Wärmepumpen und erzeugen selbst Strom durch Photovoltaikanlagen. Damit werden die Netze zunehmend durch die Leistungskomponente und weniger von der Arbeitskomponente belastet. Zudem bringt die Digitalisierung von Netzen und Stromzählern verbesserte Abrechnungsmöglichkeiten mit sich. „Das derzeitige System der Netzentgelte bildet diese Herausforderungen nicht ab“, sagt Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der E-Control. „Daher muss die Struktur der Netzentgelte an die neue Stromwelt angepasst und modernisiert werden.“ Der Regulator hat seit Beginn des vergangenen Jahres einen Vorschlag für das neue System mit Netzbetreibern, Stromerzeugern und Sozialpartnern diskutiert und heute, Mittwoch, ein Positionspapier vorgelegt. Anfang 2019 soll das neue Stromnetzentgeltsystem in Kraft sein, damit in Netzgebieten, wo die Smart-Meter-Ausrollung gut voranschreitet, neue Kundenangebote möglich werden. Die Netzkosten machen für einen Durchschnittshaushalt in Wien derzeit 27,7 Prozent der gesamten Stromrechnung aus und gehen an den Netzbetreiber. Auf die Gesamtkosten hat die neue Netzentgeltstruktur keine Auswirkungen, die Gesamtsumme aller Netzkosten in Österreich bleibt gleich.

Stromnetztarifsystem weiterentwickeln

Die derzeitige Stromnetzentgeltstruktur ist knapp 20 Jahre alt. „Vor 20 Jahren hatte kaum jemand eine Photovoltaikanlage, ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe, nun gibt es tausende solcher Anlagen. Auch von intelligenten Stromnetzen war noch kaum die Rede“, erklärt Urbantschitsch. „Das Netztarifsystem muss daher weiterentwickelt und die Netzkosten gerechter verteilt werden.“ Der Betrieb des Stromnetzes verursacht großteils Fixkosten und diese Kosten werden zusehends ungerecht verteilt. Aufgrund der derzeit stärkeren Orientierung an verbrauchsabhängigen Netzentgelten bezahlen Haushalte mit hoher Leistungsnachfrage, aber geringem Stromverbrauch, niedrigere Netzentgelte. Allerdings nutzen Kunden mit großen Sonderanlagen wie Wärmepumpe, Elektroauto oder Photovoltaikanlage die Netzinfrastruktur im gleichen Ausmaß. Ohne Speicherung des selbsterzeugten Stroms liegt die Eigenversorgung mit einer Photovoltaikanlage bei nur rund 30 Prozent, für den Rest wird auf das Netz zurückgegriffen und von dort Strom bezogen.

Netzkosten gerechter verteilen

Als Zwischenlösung bis zur exakten Abrechnungsmöglichkeit über die Smart Meter hat die
E-Control Anfang dieses Jahres die Netzpauschale, das ist jener Anteil, der jährlich fix abgerechnet wird, einheitlich auf 30 Euro netto angehoben. Urbantschitsch: „Langfristiges Ziel ist es, diese Pauschale ganz abzuschaffen und in die Verrechnung nach der tatsächlich bezogenen Leistung zu integrieren.“ Da das Stromnetz zu jeder Zeit den benötigten Strom transportieren muss, ist die Leistung, also die in einem bestimmten Zeitpunkt transportierte Strommenge, jener Faktor, der hauptsächlich die Dimensionierung des Netzes und somit auch die Netzkosten bestimmt. Mit der Leistungsverrechnung würde sich die Höhe der Netzkosten vorrangig nach der tatsächlichen Nutzung des Stromnetzes durch den Stromkunden richten. Dieses System wäre auch deutlich treffsicherer als das bisherige Pauschalverrechnungssystem, in dem alle Haushaltskunden die gleichen fixen Beträge zu entrichten haben. Die E-Control geht davon aus, dass sich für Standardhaushalte im Schnitt durch diese Umstellung an der Höhe der Stromrechnung nur marginal etwas ändern sollte. Voraussetzung für die Einführung eines einzigen leistungsgemessenen Netzentgelts für Haushalte sind digitale Stromzähler (Smart Meter).

Weitere Vereinfachung der Netzentgelte

Sobald die österreichweite Installation der Smart Meter abgeschlossen ist, können aus Sicht der E-Control die Netzentgelte noch weiter vereinfacht und das derzeit bestehende Messentgelt (maximal 28,8 Euro im Jahr) abgeschafft werden. Das Messentgelt deckt die Kosten für Errichtung und Betrieb des Stromzählers ab. „Diese Kosten sollen nach unserem Vorschlag in den allgemeinen Netzkosten aufgehen. Bis zur abgeschlossenen Ausrollung der Smart Meter soll das Messentgelt aber beibehalten werden, um für die Stromkunden die Zählerkosten transparent zu halten“, betont Urbantschitsch. „Mit der Abschaffung des Messentgelts werden die Netzentgelte übersichtlicher für Konsumenten. Je einfacher die Netzkosten sind, desto einfacher wird auch die Stromrechnung.“

Neues Anschlussentgelt

Das Netzzutrittsentgelt soll in ein neues Anschlussentgelt umgewandelt werden, im Gegenzug wird das Netzbereitstellungsentgelt abgeschafft. Das neue Anschlussentgelt wird fällig bei erstmaligem Netzanschluss bzw. Umbau des Anschlusses. Zum aufwandsorientierten Anteil wird ein pauschales Entgelt eingehoben, das sich an der vertraglichen Anschlussleistung orientiert. In der Vergangenheit kam es verstärkt zu Nachverrechnungen von Netzbereitstellungsentgelten, wenn der Netzbetreiber eine Überschreitung der vertraglich vereinbarten Leistungen aufgrund von Verbrauchssteigerungen feststellte. Urbantschitsch: „Es ist den Kunden allerdings schwer erklärbar, warum es zu so einer Nachverrechnung kommt, wenn sich am Verbrauchsverhalten nichts Wesentliches geändert hat. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass nur bei deutlicher Veränderung des Verbrauchsverhaltens ein Anschlussentgelt verrechnet wird.“

Netzkosten sollen sozial ausgewogen sein

Für einkommensschwache Haushalte liegt es beim Gesetzgeber, eigene Sozial-Netzentgelte festzulegen. Die Struktur der Netzentgelte wird die E-Control jedenfalls so ausgestalten, dass einkommensschwache Haushalte nicht benachteiligt werden. „Für Sondertarife wie etwa spezielle Netzentgelte für Haushalte mit geringem Einkommen oder Ausnahmeregelungen für Sonderanwendungen wie Wärmepumpen fehlt die gesetzliche Grundlage“, erläutert
E-Control-Vorstand Andreas Eigenbauer. „Einkommensschwachen Haushalten kann über das Sozialsystem geholfen werden, wobei hier die Finanzierung ebenfalls gesetzlich verankert werden könnte“, sagt Andreas Eigenbauer. „Wichtig ist, dass die Netzkosten sozial ausgewogen sind und alle, die das Netz nutzen, ihren Anteil einbringen.“ Die soziale Ausgewogenheit sei daher beim Vorschlag für die Neugestaltung der Netzentgeltstruktur stark berücksichtigt worden, betont Eigenbauer, der auf die „Leistbarkeit von Energie“ als einen der zentralen Punkte der neuen
E-Control-Strategie verweist. Ein stärkeres Abstellen auf die Leistungskomponente um höhere Beiträge von Betreibern von Sonderanwendungen wie Wärmepumpe, Photovoltaik oder Elektroauto einzubringen, entlastet den Standard-Haushaltskunden. „Wer das Stromnetz mehr nutzt, muss mehr dafür bezahlen“, erklärt Eigenbauer das dahinterliegende Prinzip.

Aktive Netzkunden sollen belohnt werden

Netzkunden, die aktiv zur Stabilität des Stromnetzes beitragen, sollen so wie es jetzt für Industrie und große Endkunden üblich ist, an den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung teilnehmen können. Kunden, die etwa in Zeiten, wo wenig Strom vorhanden ist, ihren Verbrauch teilweise zentral steuern lassen und damit geringere Gesamtkosten verursachen, sollen Teile dieses Vorteiles bekommen. „Vor allem für Gewerbebetriebe und Aggregatoren von Haushaltskunden kann das durchaus lukrativ sein“, sagt E-Control-Vorstand Andreas Eigenbauer. Der durchschnittliche Haushaltskunde wird dadurch ebenfalls entlastet, da die Gesamtkosten des Systems sinken und er jederzeit einsteigen kann, wenn er die Möglichkeiten der Smart Meter annimmt. Demand Response, das Zu- oder Abschalten von Stromverbrauchern bzw.
-produzenten bei Strommangel oder -überschuss, kann einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit unter der Prämisse der Wirtschaftlichkeit – zwei Punkten des Zielfünfecks im Energiebereich – leisten, da mittel- bis langfristig teure Investitionen in die Verstärkung von Netzen verschoben oder sogar vermieden werden können und somit die Gesamtkosten des Systems sinken.

Planbarkeit für alle Beteiligten, keine zeitvariablen Netztarife

Bei der Erarbeitung der Position zur neuen Stromnetzentgeltstruktur wurde sowohl auf die Bedürfnisse der Verbraucher als auch die der Netzbetreiber sowie anderer Interessengruppen Rücksicht genommen. „Die Verbraucher wünschen sich stabile, überschaubare Netzentgelte. Daher hat die E-Control nicht vor, zeitvariable Tarife wie beispielsweise Tarife mit stündlichen Intervallen vorzusehen. Diese würden die Endkunden überfordern und eine Vergleichbarkeit vom Gesamtpreis einschränken“, so Eigenbauer. Der unterbrechbare Tarif dagegen, der schon unter anderem für Wärmepumpen eingesetzt wird, soll ausgebaut werden. Die Netzbetreiber sind an einer stabilen Entgeltstruktur sowie planbaren Erlösen aus dem Netzentgelt interessiert. Eigenbauer: „Als Regulator haben wir eine ausgewogene Position entwickelt, die die unterschiedlichen Interessen bestmöglich berücksichtigt und sämtliche Herausforderungen der Zukunft abdeckt.“

Neue Stromnetzentgeltstruktur ab 2019 notwendig

Die neue Struktur der Netzentgelte ist aus Sicht der E-Control mit Jahresbeginn 2019 notwendig, Vorbereitungsarbeiten für die Änderungen laufen bereits. Einige der Änderungen kann die Regulierungsbehörde selbst vornehmen, für andere wie etwa die Umstellung auf Leistungsmessung durch Smart Meter oder eine vollständige Abschaffung des Netzbereitstellungsentgelts sind Gesetzesänderungen nötig. Die neue Verordnung zu den Stromnetzentgelten mit der neuen Struktur möchte die E-Control so rasch als möglich in die Konsultation schicken; im 2018 soll damit bereits die Regulierungskommission der E-Control befasst werden.

Positionspapier der E-Control zur neuen Netzentgeltstruktur:
www.e-control.at/netzentgeltestruktur-2.0

 

E-Control: Netzentgeltstruktur an neue Stromwelt anpassen (0,1 MB)

  • Neue Herausforderungen durch verändertes Stromsystem, stärkere Dezentralisierung in der Erzeugung und Digitalisierung – Regulator wird Struktur der Netzentgelte modernisieren und Netzkosten gerechter verteilen

 

Präsentation Jahresbericht 2016

E-Control: Kostenbewusstsein beim Thema Energie nimmt weiter zu

E-Control: Kostenbewusstsein beim Thema Energie nimmt weiter zu

Im vergangenen Jahr wechselten 286.000 Kunden ihren Strom- oder Gaslieferanten – Verbraucher sehen Energiesparpotenzial bei häufigerer Verbrauchsinfo

Ihre Gesprächspartner:

Dr. Wolfgang Urbantschitsch, LL.M., Vorstand Energie-Control Austria

DI Andreas Eigenbauer, Vorstand Energie-Control Austria

 

E-Control Jahresbericht 2016 (1,0 MB)

  • Überblick haben. Wo immer Energie eine Wichtige Rolle spielt.
 

Präsentation Jahresbericht 2016 (0,3 MB)

  • E-Control: Kostenbewusstsein beim Thema Energie nimmt weiter zu Im vergangenen Jahr wechselten 286.000 Kunden ihren Strom- oder Gaslieferanten – Verbraucher sehen Energiesparpotenzial bei häufigerer Verbrauchsinfo
 

Im Jahr 2016 wechselten 286.000 Strom- und Gaskunden ihren Lieferanten. (. jpg ) (0,5 MB)

  • Im Bild: Der Vorstand der E-Control, Wolfgang Urbantschitsch und Andreas Eigenbauer (v.l.)

 

Präsentation Studie zu Energiearmut

Energiearme geben beinahe jeden vierten Euro für Energie aus

Wien (2. Februar 2017) – Die Leistbarkeit von Energie nimmt neben dem bekannten Zieldreieck im Energiebereich bestehend aus Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit, eine zunehmend wichtige Rolle ein. Dabei geht es um die Frage, ob die Energiekosten – inklusive Steuern und Abgaben – leistbar sind und bleiben. „Etwaige Energiekostenanstiege betreffen energiearme Haushalte besonders, da sie einen größeren Energieverbrauch haben“, so E-Control-Vorstand Andreas Eigenbauer. Die Leistbarkeit von Energie für Haushalte ist deshalb ein wichtiges Anliegen der E-Control, um ihre gesetzlichen Zielvorgaben, etwa zum Schutz benachteiligter Kunden, zu erfüllen. Daher wurde eine Studie bei der Statistik Austria in Auftrag gegeben, um erstmals Einkommensdaten mit dem Energieverbrauch zu verknüpfen.

Die Studie liefert Datengrundlagen auf denen aufbauend entsprechende Maßnahmen abgeleitet werden können. Mit der Umsetzung konkreter Maßnahmen werde die neue Strategie der E-Control in einem wichtigen Bereich konkretisiert. „Wir wollen ein großes Augenmerk auf die Energiearmut und die Leistbarkeit von Energie legen“, betont Eigenbauer.

Studie: Energiearme geben 23 Prozent ihres Einkommens für Wohnenergie aus

Von Energiearmut betroffene Haushalte geben 22,8 Prozent ihres Einkommens für Wohnenergie aus, das ist mehr als viermal so viel wie ein österreichischer Durchschnittshaushalt, der im Schnitt nur 4,6 Prozent seines Einkommens für Wohnenergie (Heizen, Warmwasser, Kochen, Licht u. ä.; ohne Energiekosten für Mobilität, wie etwa Sprit) ausgibt. „Energiearme geben beinahe jeden vierten Euro für Wohnenergie aus“, fasst Konrad Pesendorfer, Generaldirektor der Statistik Austria, eines der Kernergebnisse der Studie der Statistik Austria zusammen. Laut der Untersuchung waren 2014 3,1 Prozent der österreichischen Haushalte (rund 117.000 Haushalte) energiearm. „Die energiearmen Haushalte haben einen deutlich höheren Energieverbrauch, höhere Energiekosten als Durchschnittshaushalte und sie heizen öfter mit Öl“, so Konrad Pesendorfer. Als energiearm gelten Haushalte, die bei niedrigem Einkommen verhältnismäßig hohe Energiekosten haben. Diese Definition der E-Control ist auch Basis für diese Studie.

Energiearme Haushalte: Hoher Energieverbrauch, hohe Kosten

Energiearme Haushalte hatten 2014 ein äquivalisiertes Einkommen[1] von knapp 10.700 Euro (Median) netto im Jahr, bei einem nicht-energiearmen Haushalt waren es im Schnitt 23.550 Euro (Median) jährlich, also mehr als doppelt so viel. Der Energieverbrauch für Wohnzwecke lag bei energiearmen Haushalten mit durchschnittlich 23.370 Kilowattstunden (kWh) jährlich deutlich über dem Durchschnitt von 18.360 kWh. Die dafür anfallenden Energiekosten lagen bei Energiearmen mit durchschnittlich 2.590 Euro pro Jahr um rund 40 Prozent über dem Durchschnitt aller Haushalte von 1.870 Euro. „Energiearme Haushalte haben einen deutlich höheren Energieverbrauch und deutlich höhere Wohnenergiekosten“, erläutert Pesendorfer.

Energiearme: Großteil der Energie für Heizen

Vom gesamten Energieverbrauch energiearmer Haushalte von 23.370 kWh entfallen auf das Heizen rund 18.080 kWh. Das ist um 50 Prozent mehr Heizenergie als in nichtenergiearmen Haushalten, die nur 12.130 kWh für das Heizen verwenden. Für Warmwasser setzen energiearme Haushalte dagegen nur 1.980 kWh ein, nicht-energiearme Haushalte kommen auf 2.930 kWh. Insofern verwenden energiearme Haushalte um knapp ein Drittel (32 Prozent) weniger Energie für Warmwasser als nicht-energiearme Haushalte. „Der im Vergleich geringere Verbrauch von Warmwasser lässt darauf schließen, dass energiearme Haushalte keine Energie- und Wasserverschwender sind, sondern der hohe Energieaufwand fürs Heizen notwendig ist, um ein Mindestmaß an Raumtemperatur zu erreichen“, erläutert Studienautorin Alexandra Wegscheider-Pichler von Statistik Austria.

Energiearme Haushalte heizen öfter mit Öl

Heizöl wird von energiearmen Haushalten signifikant häufiger eingesetzt als von nicht-energiearmen. In der Gruppe der Energiearmen entfallen anteilig 21 Prozent der Energiekosten auf Heizöl. Bei den nicht-energiearmen Haushalten sind es nur 14 Prozent.

Energiearme Haushalte leben häufiger in älteren Wohngebäuden

Energiearme Haushalte leben signifikant häufiger in älteren Wohngebäuden als nicht-energiearme. Rund 52 Prozent der energiearmen Haushalte leben in Gebäuden, die bis 1960 erbaut wurden, dies trifft nur auf 32 Prozent der nicht-energiearmen Haushalte zu. Dementsprechend sind Haushalte in Gebäuden bis 1960 überdurchschnittlich häufig (fünf Prozent) von Energiearmut betroffen. Bewohner von Gebäuden, die ab 1991 erbaut wurden, sind dagegen nur zu 1,1 Prozent energiearm. Energiearme Haushalte wohnen zudem häufiger in Ein- und Zweifamilienhäusern als nicht-energiearme Haushalte, energiearme Haushalte haben zudem etwas seltener Wohnraum im Eigentum. „Die Vermutung liegt daher nahe, dass energiearme Haushalte öfter mit alten Ölheizungen schlecht gedämmte Wohnräume heizen müssen“, sagt Wegscheider-Pichler.

Stromkosten überdurchschnittlich hoch

Auch Stromverbrauch und Stromkosten (inklusive Strom für Heizzwecke) sind bei energiearmen Haushalten überdurchschnittlich hoch. Energiearme Haushalte verbrauchen knapp 5.900 kWh Strom, bei jährlichen Kosten von mehr als 1.120 Euro. Während der Durchschnittshaushalt knapp 4.500 kWh Strom benötigt und dafür knapp 850 Euro jährlich bezahlt. Wegscheider-Pichler: „Die jährliche Stromrechnung ist für einen energiearmen Haushalt um 270 Euro höher.“

Energiearme im Schnitt älter, häufiger alleinlebend, mit Pflichtschulabschluss

Personen in energiearmen Haushalten sind durchschnittlich älter als jene in nicht-energiearmen Haushalten. Personen mit Pflichtschulabschluss als höchster Ausbildung sind deutlich häufiger von Energiearmut betroffen. Während in ganz Österreich 3,1 Prozent aller Haushalte als energiearm gelten, sind es bei den Haushalten mit Pflichtschulabschluss 7,1 Prozent. Zwei Drittel (66 Prozent) der energiearmen Haushalte sind Single-Haushalte. Bei nicht-energiearmen Haushalten leben dagegen nur 34 Prozent alleine.

Alle gefordert

Um leistbare Energiekosten sicherzustellen, ist nicht nur der Markt gefordert, sondern auch die Regulierung und die Politik. „Haushalte zahlen bei vielen Energieträgern – unabhängig von ihrem Einkommen – Steuern und Abgaben auf Energie in etwa derselben Höhe“, sagt E-Control-Vorstand Wolfgang Urbantschitsch. Und wer, wie etwa energiearme Haushalte, viel Energie wie Strom oder Gas verbraucht, zahlt noch mehr. Bei den Netzkosten für Strom- und Gas muss deren Regulierung unter anderem sicherstellen, dass diese Kosten leistbar bleiben. Darüber hinaus setzt der Regulator aber auch weitere Schwerpunkte, um Energiearme zu unterstützen, wie etwa Informationsarbeit zu Energiesparen und Einsparungen für Einkommensschwache bei den Ökostromstromkosten.

Durch Information Bewusstsein für Energiesparen schärfen

Durch Information und Energieberatung soll energiearmen Haushalten beim Energiesparen geholfen werden. „Mit zusätzlicher Information, Energieberatung und Aufklärung über die Rechte eines Konsumenten am Energiemarkt kann man viel bewirken“, betont Urbantschitsch. Das Bewusstsein für mögliche Energieeinsparungen sollten auch die digitalen Stromzähler (Smart Meter) verstärken. Mit diesen neuen Zählern erhalten Kunden erstmalig regelmäßig zeitnah Informationen über ihren aktuellen Verbrauch. Gerade die wirklich von Energiearmut betroffenen Haushalte haben ein geringes Bewusstsein für Energiesparen, wie eine von der E-Control in Auftrag gegebene IFES-Studie von 2013 zeigte.

Deckelung der Ökostromförderkosten

Einkommensschwache Haushalte, die Anspruch auf die Befreiung von den ORF-GIS-Gebühren haben, können mit dem Antrag auf Gebührenbefreiung gleichzeitig eine teilweise Befreiung auf die Ökostromkosten beantragen. Sie zahlen dann, verbrauchsabhängig, lediglich bis zu 20 Euro pro Jahr an Förderbeiträgen, während ein österreichischer Durchschnittshaushalt rund 100 Euro brutto für Ökostromkosten bezahlt. „Bei einem durchschnittlichen Verbrauch spart sich ein Haushalt mit Ökostromkostendeckelung 80 Euro im Jahr“, betont Vorstand Urbantschitsch.

Rund 177.000 Haushalte nützen Entlastung bei den Ökostromkosten nicht

Laut Angaben der GIS sind derzeit 300.000 Haushalte von den Rundfunkgebühren befreit – aber nur 123.000 dieser Haushalte waren per Ende 2015 von den Ökostromkosten teilweise befreit. Urbantschitsch: „Rund 177.000 Haushalte könnten ihre Stromrechnung leicht senken, wenn sie die teilweise Ökostromkostenbefreiung beantragen.“ Voraussetzung ist allerdings, dass jene Person im Haushalt, die von der GIS-Gebühr befreit ist, auch bei Strom der Vertragspartner ist. Die E-Control startet daher neben verstärkten zielgerichteten Informationen eine Inseratenkampagne, in der anspruchsberechtigte Personen auf die Möglichkeit zur Deckelung der Ökostromförderbeiträge hingewiesen werden.

Einfache Entlastung bei Stromkosten für Geringverdiener

„Mit der unkomplizierten Abwicklung über die GIS werden einkommensschwache Haushalte bei den Stromkosten merkbar entlastet“, betont Urbantschitsch. Zwar hätten nicht alle GIS-Befreiten zusätzlich zu ihrem geringen Einkommen auch noch hohe Energiekosten und seien damit von Energiearmut betroffen. „Mit der Beantragung über die GIS besteht aber ein bereits gut ausgebautes System, bei dem Geringverdiener sehr einfach eine Entlastung bei den Stromkosten erhalten.“

Langfristig: Zielgerichtete Maßnahmen für energiearme Haushalte

Langfristiges Ziel muss aber sein, Unterstützungsleistungen im Energiebereich – egal ob Sach- oder Geldleistungen – nur tatsächlich energiearmen Haushalten zu gewähren. Für diese Anspruchsberechtigung sollte nicht nur das Einkommen, sondern auch der jeweilige Energieverbrauch berücksichtigt werden. Können sich einkommensschwache Haushalte selbst geringe bzw. durchschnittliche Energiekosten nicht leisten, sollte dies unter allgemeiner Armut und nicht unter Energiearmut diskutiert werden. Urbantschitsch: „Dort wo es allgemein um Armut geht, ist das Sozialsystem gefordert. Dort wo es wirklich um Energiearmut geht, braucht es dagegen zielgerichtete Maßnahmen gegen die hohen Energiekosten.“

Heizungsmodernisierung und Gebäudedämmung bringen größten Erfolg

Wer einen hohen Energieverbrauch hat, verwendet wie die Studie zeigt oft veraltete Heizsysteme (z. B. in die Jahre gekommene Ölheizungen) und lebt in schlecht gedämmten Wohnräumen. Die Modernisierung der Heizung und die thermische Gebäudesanierung versprechen langfristig den größten und nachhaltigsten Erfolg – kosten aber auch am meisten. Urbantschitsch: „Einerseits können sich die Sanierungen in höheren Mieten niederschlagen, andererseits für den Eigenheimbesitzer hohe Kosten verursachen – beides verschärft die prekäre Einkommenssituation Energiearmer.“

EU-Kommission möchte von Mitgliedstaaten Daten zu Energiearmut

Die EU-Kommission möchte in einem Vorschlag zur überarbeiteten Strom-Richtlinie Mitgliedstaaten zur Definition eines Kriterienkatalogs verpflichten, um Energiearmut zu messen. Die Mitgliedsländer sollen die Zahl der energiearmen Haushalte und Maßnahmen für diese beobachten und regelmäßig nach Brüssel melden. Mit der Definition von Energiearmut sowie den Vorschlägen wie Energiearmut am besten bekämpft werden kann, leistet die E-Control einen wesentlichen Beitrag für die anstehende Diskussion zu diesem Thema in Österreich.

Über die Studie

Für die Analyse der Statistik Austria wurden Einkommensdaten aus Verwaltungsdaten sowie aus der Einkommenserhebung EU-SILC 2014 (EU Statistics on Income and Living Conditions) mit den Daten des MZ-Energie (Mikrozensus-Sonderprogramm Energieeinsatz der Haushalte) 2013/2014 verknüpft. Dadurch konnten Energieverbrauch und Energiekosten für Wohnen (Warmwasser, Heizen etc.) nach verschiedenen Einkommensgruppen auf Basis eines großen Datensatzes der offiziellen Statistik analysiert werden.

Energiearm: geringes Einkommen und gleichzeitig hohe Energiekosten
Für die Studie der Statistik Austria wurde die Definition von Energiearmut der E-Control von 2013 herangezogen. Laut dieser Definition gelten Haushalte dann als energiearm, wenn sie armutsgefährdet sind und gleichzeitig hohe Energiekosten haben. Nur wenn diese beiden Phänomene gleichzeitig auftreten, ist von Energiearmut zu sprechen.
 

 

[1] Das Äquivalenzeinkommen eines Haushalts errechnet sich aus dem verfügbaren Haushaltseinkommen dividiert durch die Summe der Personen im Haushalt (erste Person = 1,0; zweite und jede weitere Person = 0,5 außer Kinder jünger als 14 Jahre = 0,3).

 

O-Ton: Konrad Pesendorfer (Statistik Austria) (0,5 MB)

  • Aufnahme vom Pressegespräch am 2.2.2017
 

O-Ton: Andreas Eigenbauer zu Energiearmut (0,5 MB)

  • Aufnahme vom Pressegespräch am 2.2.2017
 

Energiearme geben beinahe jeden vierten Euro für Energie aus (0,1 MB)

  • Pressegespräch zur Präsentation der Studie zu Energiearmut der Statistik Austria